Die Verbindung des gesprochenen Wortes mit instrumentaler oder orchestraler Musik ist eine Erfindung des ausgehenden 18. Jahrhunderts – es heisst, Rousseau habe das sogenannte Melodram erfunden. Benda, ein Zeitgenosse Mozarts schrieb die ersten, mit einer durchgehenden Handlung bedachten Melodramen für die Bühne. Eine eigentliche Blüte erreichte das Genre in der Romantik, wo es (zum Beispiel in den von Liszt vertonten Balladen) vor allem für die Schilderung geheimnisvoller, ja geisterhafter Ereignisse Verwendung fand. Am Beginn des 20. Jahrhundert hat Schönberg die melodramatische Technik auf eine bedeutsame Weise genützt und damit einen Weg vorgezeichnet, der den Einbezug aussermusikalischer Mittel in die Komposition (wie Klänge der Instrumente jenseits ihrer vorbestimmten Verwendung, Alltagsgeräusche, Maschinengetöse, die Stimme als reine Klangquelle oder artikularisches Gestammel) in der zeitgenössischen Musik zur Selbstverständlichkeit werden liess. Gleichzeitig entdeckten die Autoren den Reichtum der gesprochenen Sprache und gaben ihr neue Aufgaben im Bereich der Lautgedichte, Sprechgesänge und abstrakten Vokalkompositionen. Die zeitgenössische Kunst hat die Grenze zwischen Musik und Sprache gänzlich aufgebrochen und eine Reihe von Werken hervorgebracht, in der die Gesetze der Musik auf die Sprache, jene der Sprache auf die Musik übertragen werden und zu ebenso überraschenden wie innovativen Ergebnissen führt. Dabei reicht die Palette der Ausdrucksmöglichkeiten von harmlos-heiteren Beispielen bis zu existentiell-dramatischen Stücken, wird der Vitz dieser ungewöhnlichen Verbindung von Stimme und Instrument ebenso thematisiert wie deren ästhetische Gebrochenheit für die Inhalte der Kunstwerke fruchtbar gemacht. (Abdruck mit Angabe der Quelle erlaubt)

Peter Schweiger und Petra Ronner spannen in ihren Programmen einen weiten Bogen durch manche Erscheinungsformen des Melodrams und vermitteln dadurch eine Begegnung mit dieser Kunstform, die belustigt, nachdenklich macht, Erfahrungen zu sammeln erlaubt, Erlebnisse vermittelt und dabei doch in hohem Mass kurzweilig ist.

PETER SCHWEIGER

PRESSE



REPERTOIRE KOMPONIERTER MELODRAMEN

Ferruccio Busoni
Eine alte Geschichte in neue Reime gebracht

Diego Fischers
Der Handschuh (Schiller)

Ferdinand Hummel
Die Mette von Marienburg (Dahn)

Franz Liszt
Der traurige Mönch (Lenau)
Lenore (Bürger)

Carl Loewe
Tom der Reimer (Fontane)

Josef Pembaur
Der Sänger (Goethe)

Carl Reinecke
Schelm von Bergen (Heine)

August Reuss
Das Seegespenst (Heine)

Petra Ronner
und scheert ihr rosenbaertlein ab
sonogramme über eine gedichtzeile von hans arp (1998/2000) - UA
Petroleum, Petroleum (2010) - UA
nach einem Text von Gustv Meyrink

Gerhard Rühm
drinnen und draussen (2 statistische melodramen):
- perpetuum mobile (1996/97)
- süchtler (1966)

Annette Schmucki
liebeslieder - UA
gemeinsam weitergehen / zum zwölften mal (2011) - UA

Arnold Schönberg
Pierrot Lunaire (Giraud/Hartleben) für Ensemble

Robert Schumann
Die Flüchtlinge (Shelley)
Der Heideknabe (Hebbel)
Schön Hedwig (Hebbel)

Richard Strauss
Das Schloss am Meer (Uhland)

Alfred Zimmerlin
Etymologie des Verschwindens (Thomas Meyer)
Ein Lachen (Ingrid Fichtner) - UA
Braue (Thomas Kling) - UA
Glück (Thomas Meyer) - UA
t (Alfred Zimmerlin)